Ich bin vor ein paar Tagen das erste mal seit längerer Zeit wieder Zug gefahren. Irgendwie ein interessante Angelegenheit, nicht dass ich Zug fahren als solchen so unheimlich toll fände, aber als ich da an diesem Bahnsteig in der stand um zurück in meine 4 Berliner Wände zu gelangen, fing ich an mir darüber Gedanken zu machen, wohin wohl diese Menschen, die sich mit mir den Bahnsteig teilten, wohl hin fahren würden und vor allem warum.
Da war zum einen diese rothaarige Dame, die mir gegenüber saß. Sie war diese typische Business Frau, adrett und schick gekleidet, nen Laptop auf dem Sitz neben sich zu liegen und einen Frauenroman in den Händen. Ach ja klar, und immer an einer Flasche „stillem“ Wasser nippend.
Wo wollte sie wohl hin oder wo kam sie her. Sie kommt bestimmt gerade aus einer dieser wichtigen Besprechungen, in denen man erst 15 Minuten Smalltalk über das Wetter, Gott und die Welt hält und sich dann die restlichen 165 Minuten freundlich aber bestimmt über all diese wichtigen Geschäfte unterhält während man dreimal genauso freundlich aber bestimmt den angebotenen Kaffee ablehnt und nach einem stillen Wasser fragt. Warum fragt sie eigentlich wo sie doch selber eins dabei hat? Und warum fährt sie denn Zug, sollte sie in ihrer Position denn nicht den schon seit Jahren versprochenen Firmenwagen haben – ach ne, den hat ja jetzt der neue junge Kollege bekommen…aber ich schweife ab. Neben der roten Frau war da noch dieser Junge am Bahnsteig. Schätzungsweise 15 maximal 16 und ich wünsche ihm, dass die Pubertät für ihn bald vorbei sein möge. Er hat nen Rucksack auf geschnallt aber es sieht nicht danach aus als würde er zum Sport fahren wollen. Bestimmt trifft er sich mit anderen 15 maximal 16 jährigen pubertierenden Jungen um „Ab zu Hängen“, wie man es halt so macht, vielleicht in der nächst größeren Stadt – hatte ich dabei erwähnt an welchem Bahnhof ich saß? Plauen!!! Da fährt man auch schon mal mit der Bahn um an der nächsten Tankstelle rum zu lungern. Naja, vielleicht hab ich ihn ja auch falsch eingeschätzt und er trifft sich mit Schulkameraden um für die nächste Biologiearbeit zu lernen….
Ein paar Meter weiter standen zwei Ältere Damen. Diese typischen älteren Damen, beide die selbe Kurzhaarfrisur, beide haben den selben Optiker und beide kaufen ihre Klamotten in den Läden „Schick auch in Mausgrau“ und „Mausgrau ist das neue Pink“ Ich bin mir sicher, dass die beiden eine ihrer Kegelschwestern im Krankenhaus besuchen fahren. Ein Anzeichen dafür – die Blumen – diese in auffallend bunten Farben. Und ich meine eine Pralineneschachtel im Jutebeutel entdeckt zu haben. Dann war da noch dieser Typ Marke langhaariger Philosophie – und Deutschlehrer. Sandalen und Socken, blaue Jeans die förmlich aufschrie: „Gott wirf Arsch herein“, ein Karohemd (dazu muss ich sagen, eigentlich mag ich Karohemden) und darüber eine, da ist es wieder, Mausgraue Weste. Witziger weise, war das schon meine zweite Begegnung mit dem Lehrer. Die Erste hatte ich etwa 15 Minuten zuvor am Ticketautomaten, welcher anscheinend nicht mit ihm spielen wollte. Ich, immer schon Musterschülerin dem Lehrer geholfen, naja, ich hab ihm Hilfe angeboten aber es schien ihm unangenehm. Er murmelte nur was von, im Internet hätte er einen günstigeren Preis für die Fahrt gesehen, er hätte doch extra vorher nachgeschaut und das ginge doch nicth, dass die am Automaten nicht die selben Preise anbieten..blablabla…naja, zu dem Zeitpunkt hatte ich mir noch keine Gedanken um meine Mitmenschen und deren Fahrziele gemacht, sondern war froh, dass er mich vorgelassen hatte. Dem Büro sei dank musste ich nur noch meine E-Tix Nummer eingeben und schwuppdiwupp hatte ich mein Ticket…Ok, ich schweife schon wieder ab, wollte ich mir doch weiter Gedanken über diese Menschen machen. Wo wollte denn nun dieser Lehrer hin? Ich meine er murmelte etwas von Leipzig, oder war es Dresden? Wollte er wohl zu einer Lesung der Neuauflage von Sofies Welt? Ich weiß es einfach nicht und so sehr ich mich antrenge, ich kann mir bis heute nicht vorstellen wohin ihn wohl seine Sandalen getragen haben.
Als ich nachher im Zug saß, sollte ich zumindest was den Pubertierenden angeht recht behalten, naja, er ist zumindest tatsächlich nur eine Station weiter gefahren und wurde laut pöbelnd durch seine 15 maximal 16 jährigen Freunde in Empfang genommen…
Im Endeffekt werde ich nie herausbekommen wohin die einzelnen Reisen gingen und welche Geschichten dahinter standen. Ich weiß nur, ich hatte meine Gründe mit genau diesem Zug zu fahren, genau wie jeder andere der mit mir an diesem Tag dort am Bahnsteig in Plauen stand und ich bin froh, dass diese Personen meine Gründe genau so wenig kannten wie ich ihre.